Kanji lernen

On’yomi und Kun’yomi einfach erklärt

Warum ein Kanji unterschiedlich gelesen wird, welche Hinweise wirklich helfen und weshalb du Lesungen besser über Wörter lernst.

Von Samira SchmidtJapanologin (B.A.) · Nihomi Redaktion8 Min. Lesezeit
Japanischer Tempel im Herbst – On’yomi und Kun’yomi bei Kanji lernen

„Warum hat ein Kanji plötzlich zwei völlig verschiedene Lesungen?“ Diese Frage aus unserer Community taucht besonders am Anfang immer wieder auf. Gerade hast du als やま gelernt – und im Wort 火山 wird dasselbe Zeichen auf einmal ざん gelesen. Gemein? Ein bisschen.

Die wichtigste Antwort vorweg: Lerne Kanji-Lesungen über Wörter. Du musst nicht zuerst jede mögliche Lesung eines Zeichens in deinen Kopf pressen. Wenn du verstehst, wo On- und Kun-Lesungen herkommen, kannst du neue Wörter besser einordnen und die richtige Lesung gezielter behalten.

Warum Kanji mehrere Lesungen haben

Die japanische Sprache existierte bereits, bevor chinesische Zeichen nach Japan kamen. Es gab also längst japanische Wörter wie やま für Berg oder みず für Wasser – nur noch nicht dieselbe Art, sie mit Kanji zu schreiben.

Mit den chinesischen Zeichen kamen auch chinesisch geprägte Aussprachen nach Japan. Gleichzeitig wurden vorhandene japanische Wörter mit Zeichen verbunden, deren Bedeutung passte. So entstanden vereinfacht gesagt zwei Wege, dasselbe Kanji zu lesen.

音読み · On’yomi

Chinesisch geprägte Lesung

Eine Aussprache, die aus historischen chinesischen Lesungen übernommen und an das japanische Lautsystem angepasst wurde.

訓読み · Kun’yomi

Japanische Lesung

Ein bereits vorhandenes japanisches Wort, das wegen seiner Bedeutung einem passenden Kanji zugeordnet wurde.

Was ist On’yomi?

On’yomi bedeutet wörtlich ungefähr „Lautlesung“. Du triffst sie sehr häufig in Wörtern, die aus zwei oder mehr Kanji zusammengesetzt sind. Denk an Begriffe wie 学生 (がくせい, Schüler oder Student) oder 火山 (かざん, Vulkan).

Weil Zeichen und Aussprachen nicht alle zur selben Zeit übernommen wurden, gibt es verschiedene historische Schichten wie Go-on, Kan-on und Tō-on. Diese Begriffe erklären, warum ein Zeichen mehrere chinesisch geprägte Lesungen haben kann. Für deinen N5-Alltag musst du die Schichten aber nicht einzeln auswendig lernen.

Was ist Kun’yomi?

Kun’yomi bedeutet sinngemäß „Bedeutungslesung“. Ein japanisches Wort wurde mit einem Kanji verbunden, das dieselbe oder eine passende Bedeutung trug. Deshalb wird allein häufig やま gelesen: Das japanische Wort für Berg bekam das Zeichen für Berg.

Besonders gut erkennst du Kun’yomi oft an Okurigana – Hiragana, die direkt hinter einem Kanji stehen. Bei 食べる zeigt das べる unter anderem die Verbform an. Die Kun-Lesung des Kanji beginnt hier mit .

KanjiKun-LesungBeispielOn-LesungBeispiel
やまかざん火山
みずすい水曜日
ひとじん日本人
食べるしょく食事
おお大きいだい大学

On oder Kun? Diese Hinweise helfen wirklich

Es gibt hilfreiche Muster. Bitte behandle sie wie Wegweiser, nicht wie Naturgesetze. Japanisch hat genug historische Sonderfälle, um jede hübsche Ein-Satz-Regel irgendwann zu ärgern.

Mehrere Kanji zusammen

Häufig On’yomi

学校(がっこう)、時間(じかん)、火山(かざん)

Kanji mit Okurigana

Häufig Kun’yomi

食べる(たべる)、大きい(おおきい)、読みます(よみます)

Ein Kanji als eigenes Wort

Oft Kun’yomi

山(やま)、水(みず)、人(ひと)

Namen und feste Ausdrücke

Unbedingt nachschlagen

今日(きょう)、大人(おとな) und viele Eigennamen

Außerdem können Mischungen vorkommen. Das klassische Beispiel für On plus Kun ist 重箱 (じゅうばこ). Für Kun plus On wird oft 湯桶 (ゆとう) genannt. Solche Wörter sind kein Zeichen dafür, dass du das System nicht verstanden hast – sie gehören einfach zur gewachsenen Sprache.

Warum manche Lesungen gar nicht vorhersagbar sind

Wörter wie 今日 (きょう) oder 大人 (おとな) lassen sich nicht zuverlässig Zeichen für Zeichen aus einer On-/Kun-Tabelle zusammensetzen. Bei solchen festen Wortlesungen lernst du die Aussprache des gesamten Wortes.

Auch ein einzelnes Kanji kann viele Lesungen haben. begegnet dir zum Beispiel in 学生, 生きる und 生まれる. Das sieht auf einer isolierten Lesungsliste furchtbar aus. Als drei konkrete Wörter ist es plötzlich deutlich handhabbarer.

So lernst du Kanji-Lesungen ohne Listenchaos

Stell dir vor, du lernst für jedes Kanji sofort fünf abstrakte Lautfolgen. Dein Gehirn weiß dabei noch gar nicht, wann es welche verwenden soll. Mit einem Beispielwort bekommt jede Lesung dagegen Bedeutung, Aussprache und einen konkreten Einsatzort.

1. Eine relevante Lesung

Beginne mit der Lesung, die dir in deinem aktuellen Lernwort begegnet.

2. Das ganze Wort

Lerne nicht nur しょく, sondern 食事(しょくじ) mit Bedeutung und Audio.

3. Ein echter Satz

Setze das Wort in einen kurzen Zusammenhang, damit es abrufbar wird.

4. Weitere Lesungen später

Ergänze sie dann, wenn ein neues, nützliches Wort sie tatsächlich braucht.

Wie Nihomi On- und Kun-Lesungen einordnet

In unserem Kanji-Lernbereich siehst du On- und Kun-Lesungen getrennt. Für den Lernweg heben wir eine aktuell relevante Lesung hervor und verbinden sie mit einem Beispielwort und Audio. So bekommst du Orientierung, ohne so zu tun, als hätte jedes Kanji nur eine richtige Aussprache.

Merksatz

Das Kanji trägt die Bedeutung. Das Wort entscheidet über die Lesung.

Häufige Fragen

Kurz und verständlich beantwortet.

Was ist der Unterschied zwischen On’yomi und Kun’yomi?

On’yomi sind historisch aus chinesischen Aussprachen abgeleitete und an Japanisch angepasste Lesungen. Kun’yomi sind japanische Wörter, die einem Kanji aufgrund seiner Bedeutung zugeordnet wurden.

Wann benutzt man On’yomi?

On’yomi kommt häufig in Wörtern aus mehreren Kanji vor, etwa 学生 oder 火山. Das ist eine hilfreiche Tendenz, aber keine ausnahmslose Regel.

Wann benutzt man Kun’yomi?

Kun’yomi begegnet dir häufig bei einzelnen Kanji als eigenständigem Wort und bei Kanji mit nachfolgenden Okurigana, beispielsweise 食べる oder 大きい.

Muss ich alle Lesungen eines Kanji auswendig lernen?

Nein. Lerne zunächst die Lesung, die in einem relevanten Wort vorkommt. Weitere Lesungen kannst du ergänzen, sobald du neue Wörter mit dem Kanji lernst.

Warum hat ein Kanji mehrere On-Lesungen?

Kanji und ihre Aussprachen wurden über unterschiedliche Zeiten und Regionen nach Japan übernommen. Die verschiedenen historischen Schichten und spätere Lautveränderungen führten zu mehreren On-Lesungen.